© Musizieren in Zeiten von Corona © Jovan Mandic_iStock
Eine Junge und ein Mädchen spielen Gitarre vor ihren Computern.

Lockdown Blues

Oder das unendliche Engagement, Musik online erklingen zu lassen

Stille.

Absolute Stille.

Ich sitze auf Einladung der Direktorin der Landesmusikschule Mondsee, Ulrike Valentin, alleine im Unterrichtsraum 21 gemütlich auf einer kleinen Couch. Diesen Unterrichtsraum teilen sich mehrere Instrumente, besser gesagt deren LehrerInnen. Volksmusik vor allem, aber auch Posaune, wird hier unterrichtet. Lautlos tickt im Sekundentakt die Uhr, die neben Fotos von musizierenden Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen an der Wand hängt.

„Ob es in diesem Raum schon einmal so still war?“ kommt mir in den Sinn.
Die Benediktinermönche haben vor Jahrhunderten das Gebäude erbaut. Zur Zeit des Klosters Mondsee waren sie es, die für Kunst und Kultur im Mondseeland gesorgt haben. Heute ist die Landesmusikschule Mondsee eine wesentliche Ausbildungsstätte und Veranstaltungsort von Kunst und Kultur weit über die Grenzen des Mondseelandes hinaus.

 

Aber warum sitze ich nun eigentlich hier?
Vor Kurzem hat mich Uli, wie Frau Direktor von vielen genannt wird, angerufen und ich habe lange mit ihr telefoniert. Sie hat erzählt wie es ihr und ihren SchülerInnen und LehrerInnen in Zeiten wie diesen geht.

Viel wird über geschlossene Bildungseinrichtungen diskutiert und geschrieben. Aber ich habe noch nie über die Auswirkungen des Lockdowns in den Musikschulen gelesen.

Mich interessiert es, also frage ich Uli und lerne: Im Moment sind in der Musikschule Mondsee ca. 650 SchülerInnen aus Mondsee und den umliegenden Gemeinden inskribiert. 35 Lehrpersonen unterrichten ca. 30 Instrumental- und andere musische Fächer.
Aufgrund des Corona-Lockdowns heißt es auch hier derzeit: Distance Learning.

© Uli Valentin mit Anna und Moe © Ulrike Valentin_privat
Eine Frau und zwei Mädchen lachen in die Kamera.

Direktorin Ulrike Valentin (li.), gemeinsam mit Gesangsschülerin Anna Erlinger (Mitte) und Kollegin Moe Serizawa (re.)

Ohne Lockdown würde hier musiziert, gesungen, getanzt und sogar Theater gespielt. Im Einzelunterricht, im Ensemble, in der Gruppe, im Chor bis hin zum Symphonieorchester. Anfang Februar hat die Mondsee Sinfonietta normalerweise immer ihren großen Auftritt. Volles Haus garantiert. Unter der Leitung von Alexander Rindberger wären dieses Jahr Modest Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ in der Orchesterfassung von Maurice Ravel auf dem Programm gestanden. Stattdessen Stille. Mir fällt ein von Mussorgsky vertontes Bild ein. Es trägt den Titel: „Ballett der unausgeschlüpften Küken“. Hätte Mussorgsky den normalen Alltag in der Landesmusikschule Mondsee gekannt und vertont– das Kükenballett käme schon sehr nahe.

Mondsee Sinfonietta 2020, Cécile Chaminade – Concertino für Flöte und Orchester op. 107, Solist: Roland Erhart (lehrt Querflöte und Panflöte an der LMS Mondsee), musikalische Leitung: Alexander Rindberger (lehrt Tuba an der LMS Mondsee)

Mondsee Sinfonietta 2020, Cécile Chaminade – Concertino für Flöte und Orchester op. 107, Solist: Roland Erhart (lehrt Querflöte und Panflöte an der LMS Mondsee), musikalische Leitung: Alexander Rindberger (lehrt Tuba an der LMS Mondsee)

 

Während in „normalen“ Jahren die Jüngsten die musikalische Früherziehung besuchen und ihre Eltern ins Gespräch vertieft auf ihre Schützlinge im Vorraum warten, füllen sich die 20 Unterrichtsräume mit SchülerInnen jeglichen Alters.

Auch ich gehöre dazu. Mit 12 Jahren durfte ich meine Musikschulkarriere auf der Orgel beginnen, um sie später am Schlagwerk bei Martin Grubinger sen. fortzusetzen. Sein Sohn Martin Grubinger war zur selben Zeit wie ich Schüler der Landesmusikschule Mondsee. Heute füllt er Konzerthäuser rund um den Globus und ich (hoffentlich bald wieder) die Betten im Mondseeland.

Nach vielen Jahren Pause habe ich durch Zufall ein Waldhorn in die Hand bekommen und bin 2017 damit in die Musikschule gegangen. „Ich habe noch nie in ein Blechblasinstrument geblasen, kann ich das mit Anfang 40 noch lernen?!“ Man kann – letztes Jahr durfte ich bereits bei der Mondsee Sinfonietta mitspielen. Heuer – Stille. Ich hätte mich sehr auf Mussorgskys Bilder gefreut.

© Musikstunde im Distance-Learning © TVB Mondsee-Irrsee
Ein junger Mann, einige Notenhefte und ein Tablet.

Autor Thomas Ebner (re.) und
Hornlehrer Hannes Burgstaller

Autor Thomas Ebner und Hornlehrer Hannes Burgstaller im Distance Learning.

 

Doch was bedeutet es für die SchülerInnen, wenn das Musikschulgebäude geschlossen ist?
Was fehlt den SchülerInnen?

Wie bleibt die Motivation der SchülerInnen und LehrerInnen erhalten?
Wie finden sich neue SchülerInnen für das kommende Schuljahr, wo doch jetzt bei behördlich geschlossenen Musikschultüren keine Schnuppertage und keine persönlichen Gespräche mit den Eltern möglich sind?
Wann werden aus der Stille wieder Töne und Melodien, Lieder und Sinfoniettas?

Das sind die Fragen, die Direktorin Valentin in diesen Tagen ganz besonders beschäftigen, denn:

Gemeinsam macht Musizieren einfach mehr Spaß!

Hauptmotivation für eine stetige Verbesserung am Instrument ist es, möglichst bald mit anderen zusammenspielen zu können. Sei es in einem musikschulinternen Ensemble, im Miniorchester „Concertino“, im Capriccio, bei der Mondsee Sinfonietta oder in einem der Nachwuchsblasorchester, die von den fünf Musikkapellen im Mondseeland betreut werden. Diese Motivation ist im Moment nicht gegeben – doch wir als MusikschülerInnen dürfen nicht aufgeben. Auch die LehrerInnen der LMS Mondsee versuchen mit Engagement und Kreativität die Qualität des Fernunterrichts bestmöglich zu gestalten!

 


Mitten in dieser Pandemie ist es wichtig, guten Mutes zu bleiben, den Fernunterricht mit Liebe und Humor zu gestalten und trotz räumlicher Trennung im Team miteinander in gutem Kontakt zu bleiben.
Ulrike Valentin
Direktorin Landesmusikschule Mondsee

Kreatives Distance Learning

Im Unterrichtsraum 21, jenem, auf dessen gemütlicher Couch ich gerade sitze, lehrt Matthias Schwaighofer das Instrument Posaune. Ich treffe ihn neulich auf der Straße und er berichtet mir von seinen Erfahrungen im digitalen Unterricht. Die Tücken der Technik oder eine schlechte Internetverbindung erleichtern das „Distance Learning“ nicht unbedingt. Essenzielle Ausbildungsinhalte wie die Tonqualität oder unterschiedliche Spieltechniken sind online schwerer vermittelbar, mehr Selbstständigkeit und Selbstmotivation der SchülerInnen ist erforderlich. Dabei ist Posaune so ein lässiges Instrument. Wie gerne würde Hias seine SchülerInnen wieder persönlich im Raum 21 begrüßen.
Für Posaune sind übrigens für kommendes Semester noch Plätze frei!

Ebenfalls im Raum 21 unterrichtet Vanessa Peham.

„Vanessa ist eine unserer jüngsten LehrerInnen und unterrichtet Zither“, erzählt mir Direktorin Uli Valentin.

Mit diesem Instrument habe ich mich noch nie auseinandergesetzt. Ich weiß, dass es in der Volksmusik eingesetzt wird und das Zither-Motiv aus dem Film „der Dritte Mann“ sich zum Nachpfeifen eignet. Zu meinem Glück hat Vanessa Peham ein Video für ihre zukünftigen SchülerInnen gestaltet, um zu zeigen, was man mit einer Zither alles anstellen kann.

Volksmusik, klassische Musik, Ensemble und sogar die Filmmusik der Eiskönigin. Genial!

Neben dem Instrumentalunterricht wird an der Musikschule auch Musiktheorie gelehrt. Als Nachweis für das eigene Können legt man an der Musikschule eine Prüfung ab. Diese setzt sich aus einem Theorie- und einem Praxisteil zusammen. Das Lernen und Üben zum Erlangen eines Leistungsabzeichens in den Farben Bronze, Silber und Gold ist für die SchülerInnen eine weitere Motivation.

Den Theoriekurs hält Helmuth Kratochwill, Lehrer für Trompete, Flügelhorn und Mundharmonika im Moment – Überraschung – natürlich online, was ganz gut klappt. Er hat technisch aufgerüstet und ist für alle Fragen seiner Schüler gewappnet.

Neue VirtuosInnen am Cello gesucht!

Elli Stadler unterrichtet schon viele Jahre an der Landesmusikschule Mondsee und hat schon unzähligen SchülerInnen das Cello-Spielen beigebracht. Einige von ihnen hat sie auch zur Abschlussprüfung „Audit of Art“ oder zum Cellostudium geführt.
Neben Elli unterrichtet auch noch Andrea Muscas Cello, weil dieses tolle Instrument immer sehr nachgefragt ist. Direktorin Uli Valentin erzählt mir, dass es im kommenden Schuljahr vermutlich leichter sein wird, einen Unterrichtsplatz beim Cello zu ergattern. Übrigens besitzt die Musikschule auch ein großes Instrumentenarchiv mit Leihinstrumenten in diversen Größen, darunter viele Celli, die den SchülerInnen zum Erlernen des Instruments gegen eine geringe Gebühr zur Verfügung gestellt werden können.

Elisabeth Stadler, Cello-Lehrerin an der Landesmusikschule Mondsee, erklärt dir in diesem Video die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten des Cellos.
Für Cello sind im Herbst 2021 übrigens noch einige Plätze frei! Also nichts wie los und schnell anmelden unter: https://mondsee.landesmusikschulen.at/

Wie vielfältig das Instrument Cello eingesetzt werden kann, das zeigt euch Elli Stadler in ihrem Youtube-Video. Von klassischer Musik bis hin zu Filmmusik, z.B. von Game of Thrones oder Rockmusik von Apocalyptica kann mit dem Cello alles gespielt werden!

Hinweis: Um das Video mit den Verlinkungen zu sehen, öffne das Video bitte direkt auf YouTube!

So vieles fällt mir noch zur Landesmusikschule Mondsee ein!

Zum Beispiel die unzähligen Preise, die die SchülerInnen der Musikschule jedes Jahr bei diversen Wettbewerben gewinnen, oder die strahlenden Elternaugen, wenn der Musikschulchor seinen jährlichen Auftritt am „Advent in Mondsee“ hat.

Doch diese Stille, die ich hier erfahre, wird mir langsam zu unheimlich!

Außerdem muss ich nach Hause zum Sohnemann.
Er braucht mein Tablet für seine Klavierstunde mit Klavierlehrerin Dasom Woo.

© Adrian beim Home-Pianoing © TVB Mondsee-Irrsee
Ein Junge spielt am Piano und schaut zu seinem Lehrer auf dem Bildschirm des Computers hinüber.

Es liegt an uns SchülerInnen am Ball zu bleiben und uns darauf zu freuen, wieder in der Musikschule loslegen zu dürfen. Es liegt an uns Eltern, dass wir unsere Kinder weiter motivieren und ihnen Musik überhaupt ermöglichen. Es liegt an Hias, Vanessa, Helmut und allen LehrerInnen, das Vertrauen in uns SchülerInnen nicht zu verlieren und es sei euch für euer Engagement, eure Leidenschaft und euren Einsatz in Zeiten wie diesen tausend Dank ausgesprochen! Und es liegt an dir, liebe Frau Direktorin Uli Valentin, den Laden zusammenzuhalten.

Bald werden aus dieser unheimlichen Stille wieder viele verschiedene musikalische Bilder. Freuen wir uns darauf!

Weiterführende Informationen zur Landesmusikschule Mondsee